Die persönliche eMail-Philosophie eines Büromenschen

Jede neue Bürotechnik bringt eine neue Art hervor, wie Menschen sich schriftlich etwas mitteilen. In den 70er Jahren war es z.B. das Telex, das die Abkürzung „MfG" zu einer allgemein gebräuchlichen Grußformel gemacht hat. Später kam dann mit dem Telefax die Handschrift wieder zu neuen Ehren und damit das Handwerk, auf dem Rand eines zu beantwortenden Briefes kurze, aber inhaltsschwere Mitteilungen zu verfertigen wie etwa „mit Auftrag einverstanden wenn 2 % Skonto MfG Meier“.

Heute werden über die Kunst der Jugendkultur, sich per SMS die Liebe zu erklären oder wieder aufzukündigen, und das mit äußerst aussagekräftigen Abkürzungen, die ersten Doktorarbeiten geschrieben, das ist ein riesiges Feld.

Was ist mit den eMails? Sicherlich sollten auch sie eine eigene Sprache entwickeln und nicht einfach nur das kopieren, was der (Schreibmaschinen-) Brief oder das Telex und das Fax vorgegeben haben. Wie könnte diese neue Sprache aussehen?

Ich habe ein paar Vorschläge. Da eMails dazu einladen, daß sie mehrfach in Rede und Gegenrede zwischen zwei Leuten hin- und hergeschickt werden, sollten sie sich in etwa an die Regeln eines Telefonates halten. Sie könnten dann mit „Guten Tag, Herr Meier!“ beginnen und an der Stelle, wo die eigentliche Nachricht endet, mit einem Frage- oder Ausrufungszeichen auch ohne weitere Zusätze wieder aufhören. Kein Gruß, kein Absendername, nur der starke Impuls im Text, doch bitte zu antworten.

Die Antwort könnte ebenfalls mit einem Gruß zur Tageszeit beginnen und gleich zum Thema kommen. Der Text der ersten Mail sollte wiederholt werden (die Antwort sollte einheitlich über, nicht unter der ersten Mail stehen, vielleicht sollte sie blau sein). Ab der dritten Mail sollte niemand mehr grüßen müssen.

Eine Antwort sollte in der Regel eigentlich immer erfolgen, ein kurzes „Danke!“ sollte dabei als vollkommen ausreichend anerkannt werden. Jeder weiß, wie oft eMails nicht ankommen, weil beim anderen wieder mal „das System abgestürzt“ oder sonst etwas Schlimmes geschehen ist (oft kommen hier Ausreden, die eigentlich so peinlich sind wie die Ausrede zu Postzeiten, daß man nicht geantwortet hat, weil „keine Briefmarke zur Hand war“). Man freut sich jedenfalls immer noch, wenn der Fluß der Mails ungestört ist, und wenn einem das kurz bestätigt wird. Statt mit Kurzantworten kann man sich zwar auch mit Lesebestätigungen helfen, aber richtig gerne hat diese inquisitorischen Kontrollen eigentlich niemand. Außerdem - wer läßt dabei schon gerne automatisch protokollieren, daß er nachts um drei noch mal schnell die eMails gecheckt hat?

Die Antwort sollte genau wie die erste Mail keinen Abschiedsgruß enthalten und auch den Namen des Absenders nicht am Schluß noch mal wiederholen. Der steht ja ohnehin über der Mail.

Die Kontaktdaten, die viele Leute als automatische „Signatur“ unter jede Mail setzen, auch wenn sie in der Mail nur kurz mitteilen, daß ein Paket angekommen ist, sollte man, wenn überhaupt, nur einmal mitschicken. Die Menschen sollten sich angewöhnen, unterschiedslos alle Adressen in Outlook zu übernehmen, zu denen mehr als ein einziger Kontakt möglich erscheint. Eine eMail sollte dann entsprechend frei von Adressenbrei sein und statt dessen das Auge mit viel frischem Weiß verwöhnen (deshalb auch: ruhig erst in Zeile drei oder vier mit „Guten Tag“ beginnen). Sie sollte nur das an Informationen zeigen, was auch gelesen werden soll. Provider, die Werbung unter die eMails drucken, sollte man wechseln.

Was den Text anbetrifft, so sollte er mit der Tür ins Haus fallen. Am besten sollte schon in der Überschrift (nie leer lassen) etwa die Hälfte der Information enthalten sein.

   Die Ausführung der Malerarbeiten in der Goethestr.53…

   … gehen leider, lieber Herr Deckweiß, sehr schleppend voran. Können Sie ab morgen
    (Dienstag) vier statt zwei von Ihren Leuten auf die Baustelle schicken?“

Abkürzungen sollten weitestgehend verboten sein. Jeder soll sich seinen Satz an Autotexten selbst bauen und dann aus „wg“ automatisch „wegen“ und aus „D-dorf“ „Düsseldorf“ machen lassen, wenn er schnell tippen will. Ausgenommen sind sehr gebräuchliche Abkürzungen, an die sich das Auge gewöhnt hat wie „z.B.“ und „ggf.“ – auch meinetwegen rechtliche oder steuerliche Begriffe wie „BGB“, wobei ich allerdings „Erbschaftssteuer“ schöner finde als „ErbSt“.

Sollte man das „Du“ in eMails freigeben? Ich hörte jetzt, daß sich nicht nur die Amerikaner und mehr und mehr wohl auch die Briten und die Dänen nur noch mit dem Vornamen anreden, sondern auch die stolzen und kultivierten Spanier. Vielleicht könnte es uns Deutsche umgänglicher machen, wenn wir diesen Beispielen folgen würden. Ich bekam jetzt eine Mail von Nero („Burning ROM“), in der ich mit „Christian“ angesprochen und geduzt wurde, in Deutsch. Mich störte es nicht.

Vielleicht bekommt man mit dem "Du" einige ärgerliche Zeitgenossen zur Raison, wenn man etwa schreibt

   Die Ausführung der Malerarbeiten in der Goethestr.53…

   … verzögern sich noch.

   Dieter, ich weiß, daß es Dich ärgert, weil Du Dein Wohnzimmer nicht nutzen kannst,
   aber spätestens Mittwoch wird alles fertig sein!“

Ob es hilft? Ich erkläre diesen Vorschlag erst einmal für nicht ganz ernst gemeint, ich möchte niemanden verärgern...

Jedenfalls sieht es nach meinem Geschmack schön aus, wenn man die Mail wie in den USA (dort wurde jüngst die Frage nach der besten Grußformel diskutiert) üblich etwa wie folgt beginnt

   Your Visit in Cologne

   Robert,

   it was a great pleasure to have you here…

Wichtig ist noch, daß nach Feststellungen aus den USA die eMails das Medium sind, in dem am wenigsten gelogen wird - etwa im Gegensatz zum mündlichen Gespräch am Telefon oder auch zum förmlichen Brief. Es erscheit offenbar schwieriger zu sein, mit wenigen Worten zu lügen als mit vielen.

Schon in der Bibel steht dazu:

    Bei der Menge der Worte fehlt Übertretung nicht.
                                               
 (Sprüche 10,19)

Deshalb höre ich jetzt hier auch auf.

Vielleicht schreibt mir ja mal einer was zu meinen Vorschlägen.
Vielleicht Du, Dieter?

Remscheid, im November 2006
Christian Runkel

 

 

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